Schaalsee

sie versteckten dich vor unsren Augen
als wir noch jung an Jahren waren
die Zeit ist reif, so reif wie wir
einen See zu suchen sind wir gefahren

unseren Weg säumen Eichen alt und knorrig
ein gigangtisches Spalier
leitet uns zum See im Zwischenland
auf betagtem Pflaster fahren wir

wir finden eine Welt
die lebt in der Vergangenheit
eine verbotene Zone,
herausgefallen aus der Zeit
verlassen, geisterhaft und menschenleer
doch
schon lange schießt hier keiner mehr

und Du See bist ein scheues Wesen
liebst die Stille, kaum ein Laut
duckst dich in weite Hügel
plötzlich erhaschen unsere Augen
ein glitzerndes Stück Wasserhaut

dann schlängelst Du dich weg
tauchst ab im Dickicht, bist verschwunden
meidest noch immer Menschenblick
hinter deinem Gewand aus Erlen, Äschen, Ulmen

all das in unserm Osten – ein See
weggesperrt, geschunden
im Namen von Fortschritt und Gerechtigkeit
zwei Jahrzehnte sind vergangen
längst verheilt die Wunden?

im fremden Westen zeigst du dich mehr
wir sahen dich am Morgen
noch schlafend im weissen Nebelkleid
kein Ufer da am Horizont, bist weisses Eins
das mit dem Himmel sich vereint

im Morgen-Sonnenlicht verschwebt das Kleid
löst dich vom Himmel ab in’s Land
gewaltig liegst du vor uns ausgestreckt
ein riesiger Kristall in grüner Hand

erscheinst so friedvoll unberührt
das Wasser silbern schwer
selbst die Tropfen fallen langsam
entschleunigt ist die Welt umher

kaum wagend die Stille zu durchbrechen
waten wir ins Nass – so klar und kühl und gross
indem schweben Fische sanft dahin
alles spielt zusammen – zeitenlos


Fahrradtour September 2014 zum Schaalsee


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